Die letzten Workshop-Momente: Tag für Tag den Stift in der Hand

Ende der Schreibwoche (Sommerworkshop in Bad Ems) auf der Beletage von Wortrausch Kulturpuls

DSC_0373Pünktlich gegen 15 Uhr am Dienstag, den 02. August, packten die sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops ihre Stifte in die Tasche, bevor sie mit ge-füllten Schreibblöcken und er-füllten Herzen von Bad Ems aus die Heimreise in alle deutschen Himmelsrichtungen antraten. Zuvor gestärkt nicht nur von den auch am letzten Tag frisch zubereiteten veganen Köstlichkeiten, DSC_0361 sondern auch von einem Text, angeregt durch einen kraftvollen Udo-Jürgens-Song aus den Endsiebzigern – „Ich weiß, was ich will“ – ließen alle – inklusive der Dozenten Chris Blomen-Pfaff und Andreas Seger – ihre Worte in Serie aufs Papier fließen:
Es ist zu spät – es ist zu früh – es ist genau der richtige Zeitpunkt:

„Es ist zu spät, um zu lachen. Es ist zu früh, um zu weinen. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, um anzunehmen.“ DSC_0364

Es ist zu spät, um noch mal von vorn anzufangen. Es ist zu früh, um die Flinte ins Korn zu werfen. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, um auf meiner Spur zu bleiben.“DSC_0369

„Es ist zu spät, um pünktlich zu sein. Es ist zu früh, um sich darüber aufzuregen. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, um auf den nächsten Zug zu warten.“


DSC_0425Doch das musste niemand. Der „Showdown“ lief ruhig ab, ohne Gehetzt-Sein, und so stand bei der Abschlussrunde noch genügend Raum zur Verfügung, um auf die Woche zurückblicken und Bilanz ziehen zu können.

Sehr genossen wurde der schreibfreie Samstag, den alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer für sich nutzen und gestalten konnten – sei es mit Wandern an der Lahn, einem Besuch der Emser Therme oder einer Fahrt nach Koblenz.


DSC_0442Während sich am Sonntag gegen 10:30 Uhr mit lautem Dröhnen die PS-starken „Schmuckstücke“ der 8. Emser Tuning Session in der Römerstraße aufstellten, brachten die sechs Workshop-Teilnehmer und ihre beiden Seminarleiter hinter den geschlossenen Fensterscheiben der Beletage leicht verspätet ihre Körper in Position: Zu den die Welt draußen kontrastreich ergänzenden Rhythmen und Klängen indianisch-schamanischer Wurzeln wurde sich bewegt, geräkelt, beachtet, betrachtet und getanzt – so, wie jeder es wollte und konnte – um fit zu sein für den „oralpoetischen Standup“, der an keinem der sechs Schreibtage fehlen durfte: Zwei Minuten freies Sprechen zu einem Begriff, aus dem Stand und ohne die Möglichkeit, sich vorher Gedanken zu machen – spontan und spielerisch. DSC_0347Fazit nach sechs Tagen: „Das ist ja richtig toll, ich stehe auf einmal ganz anders da und habe hauptsächlich eines gelernt: Mir zu vertrauen: Es geht!“


Überhaupt wurde dieses Sich-Selbst-Vertrauen-Können für viele zum Schlüsselerleben. So erwies sich der sonntägliche Basis-Song „Die Nacht … Du bist nicht allein“ (Schiller mit Thomas D.) für

Schreibimpulse aufgrund seiner Text-Dichte und ungeheuren Tiefe in der Aussage als eine echte Herausforderung. DSC_0366Doch die spielerische Leichtigkeit der Aufgabe nach der Mittagspause (Schreiben einer verrückten Kurzgeschichte anhand vieler und völlig verschiedener zufällig „zugefallener“ Begriffe) hob diese Schwere komplett auf: „Ah, sieh an: Irgendetwas geht immer!“


Montags dann, zum Abschluss eines wiederum sehr dichten und die Persönlichkeit stärkenden Nachmittages, trafen sich alle im Restaurant „Zum Badhaus“ gegenüber, DSC_0399wo Paul Badura dafür gesorgt hatte, dass der Abend vor dem letzten Seminartag in stimmungsvoller Freiluft-Atmosphäre DSC_0379direkt am englischen Teil des Kurparks unter dem grünen Laubdach der Bäume und dem Baldachin über dem runden Tisch einen würdigen Ausklang finden und die Gruppe einen genussvollen Vor-Abschied feiern konnte – kulinarisch kreativ und meteorologisch sommerlich – denn Petrus hatte an diesem Abend keinen Regen in seine Wetterkarte eingetragen. DSC_0402


Wohl aber trugen sich die Schreiberinnen und Schreiber in die Papierhüllen für das Besteck ein und verewigten sich so in einem kostbar-flüchtigen Moment mit einem kleinen spontanen Haiku, den Jetzt-Zustand beschreibend.DSC_0421 Am nächsten Morgen, dienstags, las man sich die kleinen lyrischen Notate vor, schmunzelnd und sich an den gemütlichen Genuss-Abend im Restaurant „Zum Badhaus“ erinnernd, verbunden miteinander in diesem Moment durch nichts weiter als drei Zeilen und siebzehn Silben.

DSC_0341„Wort – du bist die Brücke, die die Menschen näher bringt.“ So heißt es in einem der bemerkenswertesten Lieder von Udo Jürgens. DSC_0447So könnte auch ein Fazit aus dieser Woche „Tag für Tag den Stift in der Hand“ lauten – DSC_0367denn Sprechen und Schreiben – Hören und Lesen – das sind alles Zwillingsgeschwister. Wer einmal von uns im Ausland unter den dort lebenden Einheimischen weilte und weder sprechen noch verstehen, geschweige denn schreiben oder lesen konnte – oder wer von uns mitbekommt, wie schier unüberwindlich schwierig sich die Sprachbarrieren zwischen uns und so vielen Flüchtlingen gestalten – der weiß, was es heißt, ohne Worte zu sein!DSC_0377


Doch sollten wir niemals vergessen: Die schönste Harmonie entsteht durch das Zusammenbringen der Widersprüche!
Das ist alles, was wir tun können: Immer wieder von Neuem anfangen – immer wieder und immer wieder. DSC_0350

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